Hoch in den Norden – Thailands kühlere Seite

Der Dezember beginnt bei uns mit einem Rückschritt. Allerdings nicht im negativen Sinne, vielmehr zieht es uns zurück an den Ort, an dem unsere Reise ihren Anfang genommen hat. Unsere bislang längste Bustour führt uns mit Kühlschrank-Flair für vierzehn Stunden einmal quer durch Thailands Süden, vom kleinen Örtchen Satun, wo wir während vierstündiger Wartezeit zum beliebten Fotomotiv werden, wieder hinauf in die Metropole Bangkok. Lange hatten wir mit der Entscheidung gehadert, ob wir die Reise gen Süden oder doch wieder nach Norden fortsetzen würden, aber die Aussicht auf ein Wiedersehen mit lieben Freunden machte die Entscheidung leichter als gedacht. Der Plan war, uns bis Neujahr Thailands Norden anzusehen und dann nach Laos aufzubrechen. Wie immer alles nur vage Vorstellungen. Da Busfahrten in diesem Land der günstigste Weg sind große Strecken hinter sich zu bringen, sind die Busse somit so gut wie immer ausgebucht. Wir hatten das Pech, dass der Busfahrer zusätzlich noch ein paar Gäste im Stauraum hinter uns unterbrachte, so dass wir die Sitze kaum kippen konnten. Zusätzlich wurde der Lärm der Klimaanlage noch mit der ohrenbetäubenden Tonspur eines Ballerfilms untermalt. Eine durchzechte Nacht geprägt von einer ergebnislosen Suche nach der geeigneten Schlafposition waren die Folge. Und so standen wir morgens völlig schlaftrunken und planlos an einem der größten Busterminals in Bangkok, Tickets für die Weiterfahrt nach Kanchanaburi hatten wir noch nicht gebucht. Das Glück ist bei den Spontanen. 

Der nachfolgende Trip nach Kanchanaburi entlohnte uns aber für die Entbehrungen auf Kosten unseres Schlafs. Auch wenn wir im Minivan einen Platz nur für unser Gepäck buchen mussten, kamen wir günstig davon und warteten nicht lange. In Kanchanaburi selbst fanden wir dann eine Oase der Erholung in Thailands schnelllebigem Alltag, der seinesgleichen sucht. Unser erstes Guesthouse war am Ende einer Seitengasse umgeben von einer so wundervollen Stille, die einen gleich komplett ergreift und entspannt, das zweite direkt am River Kwai gelegen mit einem Steg am Fluss auf dem man abends der Sonne beim Untergang zusehen konnte. Eine wundervolle Zeit also für uns, keine gute, wenn man sich nach spannenden Berichten und Erfahrungen sehnt. Vollkommen erholt schaffen wir es dann allerdings zum ersten Mal unsere schläfrigen Hinterteile in aller Herrgottsfrühe aus dem warmen Bett zu bequemen. Während wir um kurz vor sechs Uhr morgens in elendiger Kälte am Bahnsteig stehen, fühle ich mich kurz an Zuhause und die Zeiten des ständigen Pendelns erinnert, umso glücklicher bin ich als meine Gedanken zurück in die Gegenwart kommen und mir klar wird, wie unvergleichlich dankbar ich bin jetzt hier zu stehen. Der Zug bringt uns in die Nähe des Sai Yok Noi-Wasserfalls, eine kleine Touristenattraktion, nahe Myanmars-Grenze. Eine langweilige, künstliche Naturkulisse am Anfang eines Naturreservats, wer einen kleinen Aufstieg wagt wird mit einer umso schöneren kristallklaren Quelle belohnt, die sich im Dickicht eines Waldes verbirgt. Atemberaubend war hingegen der Blick auf endlose Reisfelder vom Wat Tham Suae Tempel aus und umgekehrt von den Reisfeldern auf den Tempel, der auf einem kleinen Hügel thront. In der untergehenden Sonne steht Kanchanaburi genau in dem warmen und schönen Licht, das es als Rampenlicht verdient. 

Eine weitere ereignislose Nachtfahrt bringt uns so nah an ein Gefühl von „Heimat“, wie wir es schon seit knapp drei Monaten nicht mehr hatten. Im Halbdunkeln des Morgengrauens torkeln wir durch die leeren Gassen Chiang Mais. Ich bin todmüde, habe die Nacht wieder kein Auge zugemacht. Als wir am Bahnhof ankommen waren sahen wir, dass man uns die Unterkunft storniert hat, genau das hat mir jetzt noch gefehlt. Doch so ernüchternd wie der Tag begann verläuft er nicht weiter: wir bekommen ein extrem günstiges Zimmer, wir sind umgeben von guten Restaurants und alles lässt sich fußläufig erreichen. An jeder Ecke stehen wunderschöne Tempel mit weit in die Vergangenheit reichender Geschichte. Chiang Mai ist unser Traum und darum ist es auch kaum verwunderlich, dass wir nach einem kurzen Abstecher über Pai und Chiang Rai doch genau wieder hier landen, wieder fast für eine ganze Woche, dieses Mal über Weihnachten. Es ist unser beider erstes Weihnachtsfest getrennt von unseren Familien, weit weg von der Heimat, ohne die gewohnte Wärme der heimelig geschmückten Wohnzimmer und die Völlerei an den reich gedeckten Tafeln. Der Gedanke an Zuhause nagt ohne Frage an uns. Aber auch wir lassen es uns bei einer ofenfrischen Pizza und einem teuren Bier gut gehen und so schmerzt der Verlust schlussendlich nicht ganz so arg. Doch auch die Trennung von Chiang Mai lässt sich nicht abwenden, um Jessica, die Freundin von meinem Bruder in Bangkok wiedersehen zu können müssen wir zurück in den Süden. Ganz naiv und getrieben vom Wunsch nach Spontanität wollen wir uns also nur wenige Tage vor unserer Abfahrt einen Nachtzug nach Bangkok mit Betten buchen und enden mit einem Ticket in der Holzklasse. 12 Stunden, über Nacht, auf unbequemen Sitzen, ohne Klimaanlage. Wir waren es selbst Schuld. Manchmal haben die Spontanen wohl auch Pech. 

Zurück in Bangkok ist die Ruhe der letzten Wochen im Norden schnell wieder vergessen. Bangkok rast, als sei es ständig auf der Flucht, gehetzt von immer mehr Menschen, die hier ihr Leben bestreiten wollen; gejagt von aufstrebenden Wirtschaftsmächten in Asien, die eine kurze Atempause nicht verzeihen. Wer nicht mithalten kann, der wird gefressen und eine Welt, die einen solchen Konsumhunger hat wie die Heutige, will gefüttert werden. Also versuchen auch wir mitzuhalten in den geschäftigen Tagen vor dem Start ins neue Jahr, wollen auch nicht untergehen in der Masse der Feiernden, die die Straßen der Metropole füllen. Doch das übliche Bier zum Jahreswechsel können wir uns nicht leisten, zum Warmwerden und für den Geschmack gönnen wir uns zwei Flaschen des kostspielige Leo, danach gibt es für uns nur noch billigen Whiskey mit Cola. Dieser erfüllt seinen Job völlig scheinbar tadellos, Zweifel an diesem Gedanken wird mir erst der nächste Morgen bringen. Der Jahreswechsel in Bangkok geht relativ spurlos an uns vorbei, die Straßen und die Leute sind voll, das Feuerwerk in einem Park gleich an der Khao San Road zu Mitternacht ist wenig spektakulär. Aber es ist eben auch nur eine Show für uns Touristen, der eigentliche Jahreswechsel wird hier erst in über vier Monaten gefeiert werden. Doch dann werden wir nicht mehr hier sein, mit großer Vorfreude haben wir unseren Blick auf Laos gerichtet. Als wir Bangkok im Reisebus verlassen ist die Trauer nur von kurzer Dauer.

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